Geschichtsunterricht einmal ganz anders

Am 15. Juni 2015 berichtete Rechtsanwalt Dr. Donat Ebert, ehemaliger Schüler des LfG (Abi 1987), vor Schülern unserer 9. Klassen über den Prozess gegen Oskar Gröning, dem "Buchhalter von Auschwitz".

 

Mit ungewöhnlicher Konzentration verfolgten die etwa 130 Schüler unserer 9. Klassen dem Vortrag von Rechtsanwalt Dr. Ebert, der nach seinem Abitur am LfG, dem Jura-Studium in Bochum und Trier und seiner Referendarzeit zunächst als Rechtsanwalt in Ungarn arbeitete, sich dann im Auftrag der Deutschen Stiftung für internationale rechtliche Zusammenarbeit (IRZ e.V.) am Aufbau eines geordneten Gerichtswesens im Kosovo beteiligte. Nach dem NATO-Krieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien (1999), der von den intervenierenden Staaten als ein "humanitärer Kriegseinsatz" zum Schutz der albanischen Bevölkerung im Kosovo vor einer drohenden "ethnischen Säuberung" gerechtfertigt wurde, kam es vor einigen Jahren zu Kriegsverbrecher-Prozessen, bei denen Dr. Ebert erstmals als Opferanwalt tätig war. Wenig später übernahm er zusammen mit einer Reihe anderer Anwälte das Mandat für überlebende Opfer der so genannten "Ungarn-Aktion" der SS im Jahre 1944.

Oskar Gröning, heute 94 Jahre alt, der zur Zeit in Lüneburg als Angeklagter im vermutlich letzten NS-Kriegsverbrecher-Prozeß vor Gericht steht, war während der 52 Tage andauernden "Ungarn-Aktion", bei der insgesamt 434.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert wurden, von denen 300.000 in den Gaskammern starben, als SS-Unterscharführer im KZ Ausschwitz zuständig für die Verwaltung des Geldes und der Wertgegenstände, die die Holocaustopfer bei sich trugen. Im Rahmen seiner Tätigkeit wurde er Zeuge des industrialisierten Massenmordes durch Gas. Ein bereits im Jahre 1985 eröffnetes Ermittlungsverfahren gegen Gröning wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Erst durch die juristische Neubewertung des Tatvorwurfs der "Beihilfe zum Mord" in den Jahren nach 2011 war eine Anklageerhebung möglich geworden.

Herr Ebert berichtete den sichtlich ergriffenen Schülern von seinen Begegnungen mit überlebenden Opfern und den Kindern getöteter ungarischer Juden, die z.T. aus den USA und Australien angereist den Prozeß verfolgen.
Gegen Ende seines Vortrags fragte der Anwalt seine Zuhörer, wie sie denn die Tatsache beurteilen, dass heute, mehr als 70 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen, einem 94-jährigen Mann der Prozess gemacht wird. Die zahlreichen engagierten Antworten der jungen Landfermänner zeigten, dass sie durch den detaillierten Vortrag von Herrn Ebert ein feines Gespür für Recht und Gerechtigkeit entwickelt haben: "Es ist für die überlebenden Opfer und deren Angehörige, für die das Geschehene ein lebenslanges Trauma war, sehr wichtig zu erleben, dass "Mord" und "Beihilfe zum Mord" nicht verjähren," so ein Neuntklässler. Eine andere Mitschülerin sinngemäß: "Auch wenn Gröning zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, die er angesichts seines hohen Alters nicht ganz verbüßen wird, ist es nötig, dass begangenes Unrecht in einem Rechtsstaat geahndet wird. Das sind wir den Opfern schuldig." Dem kann und möchte der Berichterstatter nichts hinzufügen.

W. Wolf 15.06.2015