The Canterbury Tales 2014 -- Das LfG zu Gast auf der Insel

Dank unseres neuen Fahrtenkonzeptes können die Mittelstufenfahrten in Klasse 8 nun auch ins benachbarte Ausland durchgeführt werden. Ende Juni 2014 verbrachten die drei von Anglisten geleiteten Klassen 8a, 8d und 8e in Begleitung von Frau Lippek, Herrn Reuber, Frau Einecke und Frau Burwitz eine Woche in der englischen Grafschaft Kent, in London und Windsor.

Die LfG-Reisegruppe brach am Sonntag, den 22.6. um 8 Uhr in einem mit 69 trotz der unchristlichen Morgenfrühe gutgelaunten Schülern bestückten Doppelstockbus von Duisburg aus auf, um über Holland und Belgien die Hafenstadt Calais in Frankreich anzusteuern, von wo aus es per Fähre nach Dover überzusetzen galt. Dort angekommen ging es linksspurig von den berühmten White Cliffs zu den nicht minder bewunderten weißen Kalksteinen, imported from France, der Kathedrale von Canterbury, dem Sitz des Erzbischofs und Primas der Anglikanischen Kirche und bekannten UNESCO Welterbe. Untergebracht auf dem Campus der University of Kent mußten sich die auf fünfzehn Hauseinheiten verteilten Landfermänner autark mit den notwendigen und schönen Dingen des Alltags versorgen; eine Aufgabe, die mit viel gegenseitiger Unterstützung und einer Portion Improvisationskunst gut und -in einigen Fällen- schmackhaft bewältigt wurde. 

Eine Führung durch die Kathedrale sowie die Altstadt der von einer bis ins erste nachchristliche Jahrhundert zurückreichenden Mauer umgebenen City of Canterbury bildeten den thematischen Schwerpunkt des ersten Tages, abgerundet durch das Auffüllen der wohnungseigenen Kühlschränke durch eine kulinarische Pilgerreise in den Lebensmitteltempel von Sainbury's. Zu lernen gab es, daß -ganz wie in Germanien- auch in Britannien beinahe alles, was alt ist, von den Römern stammt; daß sie einst im Durovernum Cantiacorum Station machten, wenn sie ins 60 Meilen nordwestlich gelegene Londinium zogen; daß die vom Heidentum gereinigten Angelsachsen hier im Jahre 597 unter dem Missionar Augustinus den führenden Bischofssitz für ganz England etablierten; daß die Normannen nach Hastings restaurierten, was die Dänen vor Hastings brandschatzend zerstört hatten; daß Canterbury um das Jahr 1500 nurmehr eine wenige tausend Einwohner umfassende Rumpfgemeinde war, in der Größe vergleichbar mit dem Duisburg jener Zeit; daß französiche Hugenotten am River Stour ein neues Zuhause suchten und fanden; daß die deutsche Luftwaffe viele Jahrhunderte später die militärisch bedeutungslose Stadt mit Bomben heimsuchte; daß Gläubige aus ganz Europa im Mittelalter nach Canterbury pilgerten ("And pilgrimes were they alle, that toward Caunterbury wolden ryde", wie Chaucer schreibt), um das Grab Thomas Beckets zu besuchen; daß Touristen aus aller Welt heute nach Canterbury reisen, weil einst Pilger aus ganz Europa...; daß man in der King's School königlich lernen kann, wenn man das gleichermaßen royale Schulgeld aufbringen kann. Daß man überhaupt viel Geld mitbringen muß, um es -in Pfund getauscht- in Erinnerungskitsch aller Couleur zu reinvestieren. 

 

Der zweite Tag sah uns immer noch auf dem 51 nördlichen Breitengrad, jedoch schon um neun Uhr morgens auf dem Weg zum Mittelpunkt der Welt, dem Royal Observatory in Greenwich. 

Dort gab es nebem einer in Metall gegossenen Markierung des Nullmeridians auch die rote Zeitkugel zu sehen, die bis ins letzte Jahrhundert zur Normierung der Uhren auf Themseschiffen genutzt wurde, wenn sie -wie noch heute- um Punkt 13 Uhr (gemäß Greenwich Mean Time) herunterfällt. Spannend war auch die Ausstellung im Museum des Observaoriums selbst, wo es eine Vielzahl von historischen Teleskopen und Uhren (etwa die berühmte Harrington 1 des gleichnamigen Erfinders) zu bestaunen gab sowie ein Blick hinter den Vorhang der im Hinterhof versteckten Camera Obscura, durch die man Fußgänger und Radfahrer vor der mehrere Kilometer entfernten St. Paul's Cathedral beobachten konnte. Gegen Mittag brachen wir hügelabwärts durch den Greenwich Park schreitend in Richtung Greenwich Market auf, einer bunten Mischung aus Flohmarkt und Fastfoodmesse, wo die Mittagspause zur Regulation des Kalorienpegels und Flüssigkeitsspiegels genutzt wurde, bevor es durch den London Foot Tunnel, der unter Jubelausbrüchen der wanderwilligen Jugend in beiderlei Richtungen gemeistert wurde, per Boot themseaufwärts von Canary Wharf bis zum London Eye weiterging. What a spectacular view!

 

Der Nachmittag wurde dann teils im British Museum, teils -bei bestem Kaiserwetter- im Freien wandelnd zwischen Westminster Palace und Buckingham Palace verbracht. Das obligatorisch von der automatischen Bandansprache des Themsebootreiseführers zitierte Wort Samuel Johnsons, daß lebensmüde ist, wer London nicht liebt ("A man who is tired of London is tired of life") bestätigte sich aufs neue. Als um 19 Uhr der an den Surrey Quays geparkte Bus unter erstmaliger Benutzung der London Tube aufgesucht werden mußte (Bilanz: Verwirung groß, keine Verluste), hätte man gerne noch bleiben wollen. Aber es galt natürlich, die oben erwähnte Improvisationskunst in Küchenangelegenheiten zu schulen. Hence back to Kent!

 

Ganz unter königlichen Vorzeichen stand der dritte Tag, der eine Besichtigung der Royal Residence in Windsor Castle vorsah, des ältesten durchgängig bewohnten Schlosses der Welt. Unter Wilhelm dem Eroberer begonnen, wurde das Schloss in zahlreichen Bauphasen zu einem prachtvollen Palast ausgebaut, der ein halbes Dutzend Architekturstile vereint. Auch Königin Elizabeth II, die jetzige Monarchin, residiert hier regelmäßig am Wochenende. Die weitläufigen Säle der Staatsgemächer, die 1992 teilweise einem Brand zum Opfer fielen, repräsentieren vorallem den Geschmack der Steward-Dynastie aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Überwältigend auch der Eindruck der Waterlookammer, die anläßlich der endgültigen Niederlage Napoleons vom Historienmaler Lawrence mit Porträts der Siegermächte auf dem Wiener Kongress ausstaffiert wurde. Nicht minder imposant ist die St.George's Kapelle, eine majestätisch anmutende gotischen Säulenhalle, in der zahlreiche gekrönte Häupter Großbritanniens ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Damit auch die lebenden geschützt werden, patrouillieren ständig Royal Guards, die sich mit viel Gleichmut von ungeduldigen Besuchern ablichten lassen. Cheese!     

Am letzten Tag wurde Whitstable, ein nordöstlich von Canterbury an der Nordseeküste gelegener malerischer Fischerort angesteuert. Nach drei Tagen umgeben von geschichtsträchtigem Gemäuer und neuzeitlichen Nachfolgebauten endlich Küste, endlich Meer! Da Seeluft bekanntlich hungrig macht, führte mittags kein Weg an den im Hafenbereich angebotenen Fish and Chips vorbei, bevor es nachmittags per Linienbus zurück nach Canterbury ging, wo letzte Einkäufe getätigt und ein germanophiler Pub für den Höhepunkt des Tages, das Weltmeisterschaftsspiel gegen die USA, aufgesucht wurden; ein Unterfangen, das sich -sei es ob des vorzeitigen Ausscheidens der Three Lions, sei es ob der strengen gesetzlichen Regeln für die Gastronomie- als kein leichtes herausstellte. Der Anglizimus 'Public Viewing' ist, verbal wie der Sache nach, ein Fremdwort in Her Majesty's Realm. Aber wer lange bettelt, der wird erhört werden. Und so wurde Thomas Müllers Siegtreffer inmitten der einheimischen Bevölkerung, die nicht müde wurde zu betonen, wie wenig man von und mit den Amis halte, bejubelt. Dieser Triumph war nicht zu steigern, jetzt konnte die Rückfahrt getrost angetreten werden! Zwölf Stunden später, und eine einzigartige Klassenfahrt würde dort zu Ende gegangen sein, wo sie begonnen hatte: am Haupteingang des LfG. 

Matthias Reuber